Sie legte den Hörer auf. „Er ist schon weg, wir bringen es hoch,“ hatte der Rezeptionist gesagt. Dabei hatte sie seinen Kollegen ausdrücklich gebeten, ihr Bescheid zu geben, sobald er käme. Sie wollte den Menschen treffen und sich persönlich bedanken. Es gab nur selten Gelegenheit, Gleichgesinnte zu treffen.

Wenn ich mich beeile, könnte ich ihn noch erwischen? Unwahrscheinlich, verwarf sie den Gedanken gleich wieder. Ich bin im 19. Stock – bis ich unten bin, ist er schon längst weg. Plötzlich hatte sie Gewissheit. Es war der junge Mann mit der Brille gewesen, an der Tür. Sie wusste, er ging gerade die Strasse entlang und dachte an sie. „Danke!“ sagte sie laut und lächelte. Ihre Nachricht würde ihn erreichen, bestimmt.
Marcus Lippe war auf dem kurzen Weg zurück zum Bahnhof. Wieso hatte er nicht darauf bestanden, es ihr selbst zu übergeben? Sie war hinter ihm gewesen im Zug, er hatte im Gang gestanden. Als er ihre Anwesenheit spürte, und sich umdrehte, um ihr Platz zu machen, stand sie nur da, in ihr Buch vertieft. Sie war bei der Ansage der Station aufgestanden wie alle Fremden, und hatte ihr Gepäck geschultert. Es dauerte dann aber immer noch eine Minute, bis der Zug tatsächlich im Bahnhof einfuhr. Währen er sie musterte, blickte sie plötzlich auf und schaute ihm direkt in die Augen. Sie lächelte. Er erschrak.
Als der Zug weiterfuhr, ging er zu dem Platz, auf dem sie gesessen hatte. Dort lag ihr Handy. Er hatte sorgfältig darüber nachgedacht, was zu tun sei. Fundbüro? Polizei?
Dann hatte Anesu angerufen. Wer das wohl war? Er hatte sich nicht getraut zu antworten, er war so ein Feigling. Pling. Während er noch einmal überlegte, wie er vorgehen sollte, hatte das Gerät ihm die Antwort gegeben. Ihr nächster Termin: Swissotel, 19h. Samt Adresse. Er war hingefahren und hatte das Handy an der Rezeption abgegeben. Der Mann an der Rezeption hatte ihm recht herzlich gedankt; er schien Bescheid zu wissen und hatte vorgeschlagen, dass er warten soll, bis sie käme. Er hatte nur den Kopf geschüttelt und war gleich wieder los. Er hätte wenigstens einen Zettel mit seiner Nummer dazulegen können. Dann hätte sie entscheiden können. Er blieb abrupt stehen. Danke! hätte sie gesagt und wieder so gelächelt, er war sich sicher. Marcus Lippe ging weiter. Die S-Bahn kam gerade an.