
Es geht morgens los – ich werde mir bewusst, dass die Glocke dreimal läutet, während ich im Halbschlaf in der Küche Kaffee mache. Wundere mich – wieso dreimal? Ist es viertel vor sieben? Läuten die Glocken nicht erst um sieben, oder läuten sie doch schon vorher und ich habe es nie gemerkt? Vielleicht für die, die früher aufstehen müssen?
Noch einmal – dong…. dong ….dong…. Es ist eine einzelne Glocke. Keine Eile schwingt mit, sie klingt eher verhalten. Ich weiss nun auch gleich, was los ist: Meine Mutter hat in der letzten Zeit – eigentlich in der mittleren Zeit, als sie noch etwas mitbekommen und auch an unserer Welt teilgenommen hat, denn in der letzten Zeit waren die Glocken egal, wie so vieles andere. Wo war ich? Meine Mutter hat sich sehr für die Glocken und die Regeln, nach denen sie läuten interessiert, und deshalb weiss ich jetzt, dass es sieben Uhr morgens ist.
Es sind ’normale‘ Glocken im Kirchturm, der in vielleicht hundert Meter Luftlinie von unserem Haus steht. Er ist eckig, aus grauen Feldsteinen gemauert und die Fenster sind mit roten Klinkern abgesetzt. Die Kirche hat insgesamt drei Glocken, glaube ich. An Ostern fliegen sie nach Rom… haben wir als Kinder gelernt. Es läutet zum dritten Mal, noch drei einzelne Schläge. Die, die gerade tönt, scheint etwas tiefer als die vorherige; ein voller Klang aber nicht aufdringlich.
Jetzt aber geht es richtig los. Alle drei Glocken läuten „volle Kanne“, wie es mal ein Besucher ausgedrückt hat, fünf Minuten lang. Das ist Absicht, sie sollen den Tag einläuten, mit Schwung. Hier im Dorf ist die Welt noch in Ordnung. Immer schwingt für mich mit, dass diese Tradition ja noch aus anderen Zeiten stammt – als die Leute noch nicht wirklich Uhren hatten, und wenn doch, hingen sie oft an einer Kette und wurden am Sonntag aus einer Westentasche vorgeholt. Die meisten arbeiteten auf dem Hof oder Feld, und Armbanduhren und Radiowecker kamen erst später.
Wir, die wir uns daran gewöhnt haben, können einfach durchschlafen, oder uns beruhigt noch einmal umdrehen. Gäste, die hier meist tief und gut schlafen weil es so still ist, sind oft überrascht. Während des Tages läuten sie so regelmäßig, dass es kaum auffällt. Eine einzelne Glocke klingt einmal zur Viertelstunde, zweimal um Halb, dreimal zur Dreiviertelstunde. Zur vollen Stunde tönt es erst viermal einzeln in der mittleren Tonlage, dann der Uhrzeit entsprechend in der tieferen Tonlage.
Um Elf gibt es noch mehr Lärm, damit die Bauern auf den umliegenden Feldern wissen, dass gleich Mittag ist, und heimkehren. Tja. Dann läuten die Glocken noch zu den üblichen Kirchenanlässen – nach katholischer Art zur Morgenandacht, Abendmesse, zum Sonntagsgottesdienst, und auch mal samstags gegen sechs, da blicke ich nicht durch als sporadischer und ehemals protestantischer Kirchgänger. Meine Mutter hat uns nie um Dorf in die Kirche geschickt, wir waren immer in der Kleinstadt nebenan. Ich weiss noch – beim Gottesdienst läuten sie kurz vor Beginn der Messe, und dann während drinnen das Vaterunser gesprochen wird.
Sie läuten auch, wenn im Dorf jemand gestorben ist. Nur letzten Samstag, als wir sie auch läuten lassen wollten, war niemand zu erreichen. Sie haben es dann am Sonntag nachgeholt.
Wie schon erwähnt, hat meine Mutter in der mittleren Zeit viel Energie darauf verwendet, die Logik der Kirchenglocken zu entschlüsseln. Immer hat sie gefragt, „Ernst, hörst Du das? Wieso läuten sie denn jetzt?“ Unsere Nachbarin, die immer in der Kirche aushilft, und im Sommer Hortensien aus unserem Garten als Altarschmuck mitnimmt, sollte den Pfarrer fragen. Der wusste aber auch nichts. Wir fanden es nicht so wichtig. Die Glocken werden ja längst automatisch gesteuert. Wahrscheinlich hätte der Küster, der die Läutanlage programmiert oder bedient, mehr gewusst. Ich bin sicher, es gibt da ein jahrhundertealtes System, aber es schien immer nebensächlich.
Ob sie sich gefreut hätte zu wissen, dass die Glocken für sie auch geläutet haben?