Lavazza

Sie fluchte und feuerte die leere Kaffeedose in die Ecke. Auch das noch. Ohne Zigaretten und Kekse könnte sie zur Not auskommen, aber ohne Kaffee?

Es half nichts, das Boot war weg und würde erst in zwei Wochen wiederkommen. Sie könnte zwar zur Hauptinsel schwimmen, aber das würde bedeuten, von einer unbewohnten Insel zur nächsten zu schwimmen, und sowas Absurdes für Kaffee? Selbst bei gutem Wetter und ruhiger See würde sie wahrscheinlich ertrinken, und jetzt im April erst recht. Fast musste sie lachen. Sie schwamm nicht einmal besonders gern. 

Aber nein, es war bestimmt Jodie`s Plan gewesen. Sie hatte den Kaffee wieder aus der Proviantbox genommen, um sich zu rächen. Ihr war alles zuzutrauen, und sie würde behaupten, es wäre keine Absicht gewesen. Überhaupt, wie hatte sie sich auf diesen blöden Deal einlassen können, so eine bescheuerte Idee, einsiedeln. Sie hatte ihr das eingeredet, ‚komm schon Amanda, das wird dir guttun, du sagst doch selbst immer, du brauchst Ruhe zum Arbeiten. Versuch es doch mal, Amanda, nur ein paar Wochen.‘ Amanda kochte vor Wut. Sie wurde ohne Unterlass manipuliert. Jodie fand das reinste Vergnügen darin zu testen, wie sehr sie Amanda verbiegen konnte. Sie dachte sich die hirnrissigsten Sachen aus und drehte es dann so, als seien es Amanda’s urgeinene Wünsche gewesen. 

Sie griff nach einer Flasche Wein aus der Tür des Kühlschranks und goss sich ein, dann gleich noch ein Glas. Diese ungeheure Wut hatte sich in ihrer Brust konzentriert und mußte raus. „DU DRECKSWEIB!!“ schrie sie aus vollem Hals und fegte die kleine italienische Moccamaschine von der Anrichte, der Kaffeedose hinterher. „ARGGHHH!!!“ Schließlich war niemand da, da konnte sie es ja auch endlich mal rauslassen. Gleich noch einmal. Sie schrie so laut es ging und fing dann an, wie rasend auf ihrem Laptop zu tippen, der am Tisch vor dem Fenster stand. 

„Du MIESE RATTE, wie konntest du mir das antun! mich hier allein zu lassen, noch dazu in so einer Bruchbude! Ich wünschte, ich hätte dich nie getroffen!!“ 

Sie haute so fest auf die Tastatur ihres Laptops, dass die sonst so leisen Tasten laut klackten. 

„Wieso behauptest Du, für mich dazusein, und dann tust du mir so etwas an? Wer bist Du eigentlich, DIch so in mein Leven einzumissen, mit deiem GEldun und deinen schicken Klamotten, in Wirklichkeit stinkst du doch auch!! ich durchschaue dich du miese stinkende SChalnpe SChlampe SCHLAMPE! Ich Hasse Dich!!!“ Ihre Finger überschlugen sich noch schneller als ihre Gedanken. 

Plötzlich merkte sie, wie sie nur da saß und aus dem großen Fenster hinaus auf die Klippen und das Meer schaute, regungslos. Die anderen Inseln lagen nach hinten raus, hier war nur Blau, Weite und Ruhe. 

Sie bewegte sich vorsichtig, die Finger waren kalt und steif, der Nacken schmerzte. Es war, als hätte jemand das Licht angeknipst. Sie musste lange hier gesessen haben; die Sonne stand schon hoch am Himmel. Der Bildschirm des Laptops war schwarz. Sie stand auf und blickte um sich, als sei sie nicht schon gestern angekommen. Das kleine Haus auf den Klippen war nicht luxuriös, aber praktisch und bequem eingerichtet, mit Strom, Einbauküche, heißem Wasser, guten Fenstern und gemütlichen Möbeln. Ungewöhnlich, im Mittelmeer auf einer ansonsten unbewohnten Insel ein Häuschen zu finden, in dem man auch überwintern konnte. 

Hatte sie den Wein aufgemacht? Sie nahm den Korkenzieher vom Tisch und schraubte mechanisch den Korken ab, um ihn wieder auf die Flasche zu stöpseln. Besser wieder kaltstellen. Als sie den Kühlschrank öffnete, stapelten sich dort drei große Metalldosen mit rotem Logo. Lavazza. 

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