Zwischenraum der Zeit

Ich setzte mich in einen Zwischenraum der Zeit. (Federico Garcia Lorca)

„Entschuldigen Sie bitte, wie komme ich denn auf die Lichtung? Ich habe mich verlaufen.“ Sie hält einen recht zerknitterten Zettel in der Hand und sieht wirklich etwas verloren aus. Kein Wunder, wer hier landet, muss sich verlaufen haben oder zumindest vergessen, dass er noch weiter wollte. 

„Zeigen Sie mal – wo soll es denn hingehen?“ Nicht, dass ich mich hier wirklich auskennen würde, aber ich habe mich ergeben. Ich werde nach dem Weg gefragt, egal wo ich bin auf der Welt. Sie streckt mir den Zettel entgegen. Er ist schon ganz zerfleddert und zerfaltet und ein bisschen speckig, als wäre er alles gewesen, an dem sie sich hat festhalten können. Als der Zettel ihre Hand verlässt, scheint sie ihn plötzlich vergessen zu haben. Sie dreht sich um und geht zu einem der Fenster. 

Der Raum hat sieben oder acht, je nachdem, wie man zählt. Er ist quadratisch, in jede Wand sind zwei riesige alte Sprossenfenster eingelassen. Sie sind weiß gestrichen und mit Holzläden innen und außen versehen. In den tiefen Fensterbänken kann man sogar sitzen. An einer Seite ist anstelle des Fensters die Tür, im gleichen Stil wie die Fenster. Weil wir auf einer kleinen Anhöhe sind, hat man rundum gute Sicht – sowohl auf die Bürotürme als auch auf die Schrebergärten, und die Wälder in der Ferne. Der Sonnenschein taucht alles in ein freundliches, einladendes Licht.  

Sie geht also zum Fenster, das am weitesten von mir entfernt ist, und sieht hinaus. Im Garten steht ein Strauch, der gerade noch keine Blätter treibt, in den Ästen hüpfen die Vögel aufgeregt von Ast zu Ast und zwitschern und tschilpen; Spatzen, Meisen, Rotkehlchen. Sie verharrt in solcher Stille, dass ich sie beobachten kann. 

Kaputte Hausschuhe und Strümpfe mit Laufmaschen. Der Rock zu groß, er sollte wohl mal bis auf die Waden reichen, aber er ist lose und verrutscht, vorne viel länger als hinten. Ihr Pulli hat auch bessere Tage gesehen, die Ellbogen sind durchgescheuert; um die Schultern liegt ein blauer Schal; fein gestrickt, doch er sieht warm aus. Kaschmir? Ihre grauen Haare sind frisch geschnitten, aber ungekämmt; sind am Hinterkopf geplättet und stehen an anderen Stellen ab, als ob sie gerade aufgestanden sei. Von der Seite kann ich ihr Gesicht sehen, die Haut ist glatt und fast rosig. Es leuchtet friedlich beim Anblick der Vögel. Ich glaube sie ist angekommen. 

Hinterlasse einen Kommentar