Kendall’s Reise

In ihrem blauen Morris fuhr Kendall ziellos durch das Loiretal. Hin und wieder weinte sie am Steuer. Das Loiretal war Kendall´s Rettung, denn es hatte etwas Würdevolles, Ordentliches; Ordnung hatte sie schon immer beruhigt. Wenn sie weinte oder fest von ihrem Ego umklammert war, war es ein Wunder, dass sie nicht blind in einen Graben fuhr. 

Jeden Abend kehrte sie in dem einen oder anderen Gasthof ein, ließ das Auto betanken und aß, was es gerade gab. Sie schlief wie ein Stein und wenn sie wach war, kam auch nichts an sie heran. Das Weinen passierte nur, wenn sie am Steuer saß, und die Blindheit lüftete sich gerade genug während der Fahrt. 

Zu anderen Zeiten war Kendall manchmal imstande die Schlösser zu bewundern, die weiten Wiesen und die Wälder; auch die Flüsse, die sich glitzernd zwischen Sandbänken und Weiden hindurchschlängelten. Diese Schönheit berührte sie, auch wenn sie nicht wußte welchen Teil von ihr. Weder ihr Kopf noch dass, was sie Herz genannt hätte wollten sich zu dem Gefühl bekennen. 

Nach sechs Wochen fuhr Kendall immer noch ziellos durch das Loiretal, aber die Ordnung war wieder hergestellt. Jede weite Wiese, jede silbrige Sandbank, Wald und Weiden waren ihre freudigen Bekannten. 

Die Menschen im Loiretal hatten sich an sie gewöhnt. Sie fragten nicht nach. Kendall und ihr blauer Morris gehörten dazu wie der Landstreicher, der mit den Jahreszeiten seinen Routen folgte. 

Dann war es Herbst geworden. Das Wetter schlug um und statt Blindheit behinderte nun der Novembernebel die Sicht auf die Schlösser und Wiesen. Ihr Körper konnte nun auch das Gefühl, das sie beim Anblick der Schönheit empfand, wieder wahrnehmen. Kendall weinte auch nicht mehr. Trotzdem, es konnte so nicht weitergehen. Die Reifen hatten kaum noch Profil und die Bremsen mussten erneuert werden, sonst würde sie Charlie die Genugtuung verschaffen, mit ihrem Morris aus der Kurve einer würdevollen, ordentlichen Loiretalstraße zu fliegen und im glitzernd schlängelnden Fluss zu versinken. Und dies ließ ihr Ego nicht zu. 

An der nächsten Poststelle gab sie ein Telegramm auf: 

Ankomme Sonntag Paddington STOP Dinner 7pm im Bertram’s. STOP

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