Marji stand vor dem Hotel, Gail hatte ihr gerade zugewunken und „See you later“ mit dem Mund geformt, ohne die Worte laut auszusprechen, weil sie am Telefon hing. Marji hätte wenigstens eine Stunde für sich. Weg hier.
Sie ging los, über die seltsam glatt polierte Fläche des Kopfsteinpflasters im historischen Dorfkern hinweg in Richtung der Felder. Würde die Zeit reichen, um auf die Burg zu wandern, die man ein paar Hügel weiter sehen konnte? Lieber in der Nähe bleiben. Es war kurz nach Mittag, warmer Herbstsonnenschein und satte Farben, alles war genau so perfekt und schön wie in dem Schweiz-Bildband, den ihre Oma so gerne durchblättert hatte. Um das Dorf herum gab es glatt geteerte Wege – perfekt, damit Leute wie sie mit ihren „Bürostiefeln“ das Landleben betrachten konnten. Ein Bauer mit kariertem Hemd überholte sie mit seinem Traktor und grüßte, die Hand an die nicht vorhandene Mütze und ein freundliches Kopfnicken. Ein paar hundert Meter weiter, zwei Reiter auf ihren Ponies. Marji machte Fotos von allem mit ihrer Handykamera; auch ein Selfie mit der Burg im Hintergrund. Zu Hause würde das alles viel größer ausfallen – hektargroße Anwesen, Schluchten und wilde Pferde.
Sie war wieder in Richtung Dorf gewandert und machte noch ein Foto von einem pittoresken Fachwerkhaus mit Rosengarten in einer Seitenstraße. Das Grundstück gegenüber war mit einem Drahtzaun eingefasst, der auf einem Betonsockel verankert war. Dahinter, etwas tiefer als die Straße gelegen, war eine große Wiese. Zwei Fußballtore ohne Netz sahen verwaist aus, aber wahrscheinlich war hier am Abend oder am Wochenende richtig was los. Die Straße herunter, am Ende des Grundstücks war ein kleines Gartentörchen, es stand offen; aber niemand war zu sehen.
„Hallo.“ Es war eine kleine Stimme, und als Marji sich in die Richtung drehte, aus der sie kam, kam ein kleiner Junge auf sie zu. Er mochte vielleicht vier oder fünf sein, und schien aus dem Gebüsch aufgetaucht zu sein, das den Bolzplatz begrenzte. Er hatte Büschel mit Gras gepflückt, die er mit großer Konzentration vor sich hertrug; seine kleinen Hände zerquetschten das Gras samt Wurzeln zu einem Ballen. Während er lief, ließ er den Blick von den Grasbüscheln und fixierte Marji mit seinem Kinderblick. Sie fühlte sich durchschaut, obwohl sie nicht hätte sagen können, was es zu durchschauen gab. Er war auf der anderen Seite des Zauns stehengeblieben und legte nun die Grasbüschel am Fuß des Zauns vor sie auf den Sockel.
„Hallo“, sagte sie zurück. „Wie geht’s?“
„Ich bin durch den Tunnel gekommen.“ Er machte eine vage Bewegung in Richtung Gebüsch. Marji ging in die Hocke, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein.
„Oh, darfst du denn schon alleine spielen?“ In Boston würde keine Mutter ihr Kind dermaßen unbeaufsichtigt lassen. Kein Mensch weit und breit.
„Ja.“
Er zeigte auf die Grasbüschel zwischen ihnen.
„Für dich!“
Wieder dieser Blick, so wissend und freundlich, Marji wurde ganz warm ums Herz. Flora war schon so lange erwachsen, und es war noch länger her, seit sie mit ihr gesprochen hatte.
„Dankeschön! Wie heißt du denn? Ich bin Marji.“
„Otto. Das Gras – für dich!“, wiederholte er und sein Blick ließ sie nicht los. Marji nahm das Büschel in beide Hände. Die Erde an den Wurzeln war feucht, und der herbe Geruch stieg ihr in die Nase. Der Garten war ihr ganzer Stolz gewesen. Damals war Flora ihr noch mit ihrer kleinen Schaufel und ihrem Eimerchen überall hingefolgt.
„Danke Otto! Musst du nicht zu Hause sein?“ So ein kleiner Junge sollte nicht allein sein und mit Fremden wie ihr reden. Sie sollte ihn auf den Arm nehmen sollte und nach Hause bringen.
„Nein, ich suche Gras.“ Seine Stimme klang entschlossen. „Keiner darf es wissen. Können wir gehen?“
„Was?“
Marji richtete sich auf und trat einen Schritt zurück. Sie musste sich verhört haben. Wohin gehen? Was tat sie hier? Mit der freien Hand angelte sie ihr Handy aus der Tasche und schaute auf die Uhr. Viel zu spät. Sie könnte verhaftet werden.
„Hör zu, ich muss los, Otto. Es war nett dich zu treffen.“
Marji drehte sich eilig weg und ging am Zaun entlang, das Gras noch in der Hand. Gail, der Workshop. Flora. Die Kunden. Im Arm halten. Wie hatte sie diese Gedanken nur zulassen können?
Plötzlich fühlte sie eine kleine Hand in ihrer. Otto war neben ihr hergelaufen, an der Innenseite des Zauns entlang, bis zu dem kleinen offenen Tor. Er hielt sich ganz fest an ihr; sie wußte er würde sie nicht mehr loslassen.