Wer sich kein Paradies baut, hat sich keins verdient

Was mich gestern beeindruckt hat: Der Frau Giersberg ihre Fingernägel. So bunt und so klobig und so… unpraktisch? Es sind diese extra langen Dinger, die aufgeklebt werden, grün-lila gestreift, mit Glitzer. Ich überlege, wieso ich weiblich mit unpraktisch assoziiere, während Frau Giersberg umständlich unser Wechselgeld vom Tresen klaubt und uns die Tickets aushändigt.

Schon geht die Führung los, unsere Museumsführerinführt uns durch die alte Zinkfabrik, wo das Zeug, also das Zeug, das mir heute Morgen noch als desinfizierend auf der Zahnpastatube angepriesen wurde, so ca. um 1860 unter Einsatz vieler Leben hergestellt worden war. ‚Elektrolyse‘ hatte mir mein Chemiker noch am Telefon zugerufen, aber was wir da sahen, das war noch lange davor; pyrometallurgisch, wie die das nennen. Oder eben so, wie es war: 25 Kilogramm schwere, sauheiße Zinkplatten, die dabei rauskamen, wenn man den ganzen Kram schmolz, um das Rohzink, das aus Zinkerz gewonnen worden war, noch vom Blei zu befreien. Ich habe vergessen, was oben und was unten geschwommen ist bei der Höllenbrühe, aber dass auch noch Kadmium und Arsen – unter anderem – freigesetzt und eingeatmet wurden, das habe ich mir gemerkt.

Die übliche Schicht dauerte 12 Stunden, nee, Moment, ich glaube es waren nur 6 oder 8 Stunden – aber nur, weil man bei der Hitze und der Plackerei so viel Gewicht verlor, dass es nach einer gewissen Zeit wirtschaftlicher war, die Schicht zu kürzen – die Anzahl der Leute, die sich sowas antaten, war zwar nicht wirklich begrenzt, aber man musste sie wenigstens eine Zeitlang am Leben halten. Rechnete sich sonst nicht. Und Elefanten-Hornhaut – ja so nannte man das – war auch billiger als hitzefeste Handschuhe. Die Altersversorgung war nur für die Witwe und die Kinder gedacht, aber das sagte man nicht so laut. Von den Greisen, die wir auf einem Schwarz-Weiß-Foto bestaunen konnten, waren die Jüngsten 14 und die Ältesten 45. Bis auf den Besitzer der Fabrik. Heute, da wird das hydrometallurgisch gemacht, nicht pyro-, und die Zeiten sind modern und die Frau Giersberg kann sich an ihren Fingernägeln freuen.

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Schon geht es weiter zum Koks, das man erst nach der Erfindung der Dampfmaschine abbauen konnte, sonst wären die Schächte immer mit Wasser vollgelaufen. Und Koks verbrennt bei höheren Temperaturen und deswegen konnte man dann Stahl herstellen. Wann genau im Prozess, das hab ich vergessen, aber er wird gekocht im Hochofen, man sagt das, weil von unten Luft durch die heiße Flüssigkeit geblasen wird. Dann erst, durch oder mit viel Funkenflug verbrennt der Sauerstoff, dann Silizium und Mangan, und später noch, bei noch höheren Temperaturen, Kohlenstoff und Phosphor. Dann kommt der Abstich, Schlacke oben, Roheisen unten. Die Schlacke kommt auf Halde und glüht noch.

Ich schätze, meine Oma hat das alles noch miterlebt in den Vierzigern und Fünfzigern, denn sie hat ja in Duisburg auf der Kochstraße gewohnt, die Halde war ganz in der Nähe. Jedenfalls hab ich die Kinderversion der Schlacke/Halde/’glüht noch‘-Geschichte von ihr in den in den 80ern gehört: Wenn die Sonne untergeht und der Himmel am Horizont rot leuchtet, dann backen die Engel Plätzchen für Weihnachten. Logisch. Es mussten ja auch viele Kekse gebacken werden, das ganze Jahr über. Dafür gibt es ja auch Blechdosen, damit die frisch bleiben. Ich habe mich trotzdem immer gefreut, dass wir unsere eigenen Kekse gebacken haben, besonders wenn Spritzgebäckteig durch den Fleischwolf gedreht wurde mit so einem Zickzack-Aufsatz. Hackfleisch gab es ja dann schon lange vom Metzger, das hat man nicht mehr selber gemacht. Nur einmal, kann ich mich erinnern, haben unsere Nachbarn auf dem Dorf ein Schwein geschlachtet und das Blut lief in einen Eimer und davon haben wir Blutwurst gemacht.

Ich bin abgelenkt. Roheisen ist spröde und brüchig, weil es noch zu viel Kohlenstoff enthält – 4,5% oder so. Stahl, das darf sich nur nennen mit weniger als 2%. 0,2% ist noch besser, das ist die S235er-Legierung, wenn ich mich recht erinnere. Das haben wir in einer Universalprüfmaschine geprüft und eine Ziehprobe gemacht. Ist dann mit einem lauten Knall gerissen, der Stahl. Die Maschine hat mit einem kleinen Motor eine Hydraulikpumpe bedient, die sich dann Stück für Stück (im Millimeter-Bereich) gehoben und den eingeklemmten Stahl im „μ„-Bereich zerrissen hat. Atom für Atom hat geächzt. Und der Frau Giersberg ihre Nägel.

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