Verdammt. Cazzo! Ging es auch anders? Nicht soviel nachdenken. Sie hatte beschlossen, es zu tun, also würde es jetzt auch gemacht. Ha! Sie hatten es ja auch schließlich die Treppe raufbekommen, da würde es ja auch wieder runtergehen. Sie drehte es auf die Rückseite und liess das Sofa auf dem Stoff die Treppe hinuntergleiten. Es war viel leichter, als es aussah.

Das Treppenhaus wand sich um den Aufzugsschacht und war großzügig geschnitten. Je zwei Wohnungen auf einer Etage, und die Stufen gingen in zwei Sätzen ins nächste Stockwerk, mit einem breiten Treppenabsatz dazwischen, auf dem man auch ein Sofa parken konnte. Sie ging die Treppe hinunter, am Sofa vorbei und manövrierte es nun um die Ecke. So würde es gehen. Nur noch ein paar Runden, und es stünde auf der Straße. Natürlich wäre es zu zweit einfacher, aber wenn sie immer im Leben darauf gewartet hätte, dass der oder die passende Zweite vorbeikäme, säße sie wahrscheinlich immer noch auf dem Dorf.
Plötzlich hatte sie Lust auf eine Zigarette. Auch schon lang nicht mehr passiert, dachte sie. Aber wieso nicht? Sie konnte schließlich machen, was sie wollte. Nur woher nehmen? Ah, der Nachbar im dritten Stock, er war doch Kettenraucher. Sie stellte das Sofa wieder auf die zierlichen langen Holzfüße und schob es an die Aussenwand. So kämen auch Treppensteiger noch dran vorbei, während sie ihrem wiederentdeckten Laster frönte.
Sie sprang die halbe Treppe wieder hinauf. „Herr Schmitz?“ Sie klingelte und klopfte dann gleich an die Tür, damit er wusste, dass er nicht den Türöffner zu drücken brauchte. Noch ein Klopfen. „Herr Schmitz?“ Sie hörte schlurfende Schritte und nach einer Weile öffnete der kleine Mann die Tür. Herr Schmitz war noch genauso hutzelig wie im Sommer, als er ihr die Kerze mit Erdbeerduft zur Einweihung geschenkt hatte.
„Hallo, Frau … Nachbarin.“
Er blinzelte ein wenig, er hatte keine Ahnung wie sie hiess, aber immerhin schien er sie wiederzuerkennen.
„Ist es die Heizung? Bei mir funktioniert sie ausnahmsweise.“
„Nein, nein,“ versicherte sie. „Alles in Ordnung. Guten Tag!“
Sie lächelte, etwas verlegen.
„Ich wollte fragen ob… „, sie zögerte aber dann war es ihr auch schon rausgerutscht. „Eine blöde Frage… rauchen Sie noch? Ich hätte so Lust auf eine Zigarette…“
Während sie sprach, schalt sie sich schon. Einfach zu klingeln, an einem Dienstagnachmittag. Ausserdem munkelte man im Haus, er sei schwerkrank, da darf er bestimmt nicht mehr rauchen. Und sie brachte ihn jetzt auf dumme Gedanken.
„Nein, eigentlich nicht.“ sagte er auch schon.
Einen Moment lang sah er wirklich ganz traurig aus. Shit.
„Aber Frau Singer, die hat meine Notration, da gehen wir jetzt hin.“ Erstaunlich behände nach der Schlurferei vorher drehte er sich um, griff seine Baskenmütze und zog den Schlüssel von innen aus dem Schloß und schob sich in Richtung Treppe.
„Sie wohnt im 2. Stock, sie kennen sie doch.“
Er griff das Geländer und begann, sich die Stufen hinunterzutasten. Sie stand einfach da. Erst als er ein paar Stufen geschafft hatte, entdeckte er das rote Sofa auf dem Treppenabsatz.
„Nanu.“ sagte er nur.
Annika ging schnell an ihm vorbei und schob noch ein bisschen am Sofa herum, damit er besser vorbeikäme. Sie blieb in der Ecke des Treppenabsatzes stehen, während Herr Singer die zweite Treppe in Angriff nahm.
„Wissen Sie, es muss nach unten, aber dann dachte ich, erstmal eine Zigarette…“
„Nenn‚ mich Alois.“
Er war schon fast vor Frau Singer’s Tür angekommen und drückte auf die Klingel, noch bevor er vor der Tür stand. Dann klopfte er energisch. „Maria, mach auf, ich hab Kuchen gemacht!“
Das sagte er laut, drehte sich dann zu ihr und kicherte verschmitzt.
„Das sag‘ ich immer.“
Annika lächelte unsicher zurück. Eindeutig hatten die beiden ihre kleinen Routinen. Frau Singer öffnete die Tür.
„Alois, du hast mir doch versprochen – „, sie brach ab während ihr Blick von Alois zum roten Sofa glitt.
„Nanu.“ sagte auch sie. Dann lächelte sie strahlend.
„Hallo, Frau Nachbarin.“
Ihre weissen Haare lagen in frischen Wellen, und die Kette ihrer Brille blitzte in der Nachmittagssonne, die durch die Glasbausteine den Weg ins Treppenhaus gefunden hatte. Dann richtete sie sich ein wenig auf und schob sich die Brille zurecht.
„Es sieht so aus, als würden Zigaretten allein nicht ausreichen. Alois, willst du Bier oder auch ein Piccolöchen?“
„Bier. Wir warten draussen.“
Während Maria Singer ohne ein weiteres Wort in der Wohnung verschwand, stieg Alois die Stufen wieder hoch und setzte sich auf das rote Sofa.
„Maria, vergiß den Aschenbecher nicht!“
Ganz schön energisch für so ein Kerlchen. Annika blickte zwischen der offenen Wohnungstür und Alois hin und her.
„Also…“ fing sie wieder an.
„Setz dich, Kindchen.“
Er klopfte resolut auf den Platz neben sich. Sie gehorchte. Er war zum hinteren Ende durchgerutscht, so dass sie in der Mitte saß, mit den Knien am Aufzugsschacht. Da kam auch schon Frau Singer mit dem Tablett. Darauf standen eine Flasche Kölsch, zwei Piccolofläschchen und zwei Sektgläser. Ein Aschenbecher, daneben eine Schachtel American Spirit und ein Briefchen Streichhölzer dazu. Sie stellte das Tablett zwischen sich und Annika und setze sich sehr damenhaft auf die Sofakante, ihnen zugewandt. Ihre Knie lagen tadellos nebeneinander. Mit geübten Bewegungen verteilte sie Getränke und Zigaretten. Alois fummelte ein bisschen mit den Streichölzern, aber dann waren sie alle versorgt.
„Ist es soweit, meine Liebe?“
Sie zwinkerte Annika zu, die Zigarette in der linken und hob das Glas mit der Rechten.
„Prosit!“