EWALD CH. EMPAUS, das stand auf seiner Visitenkarte. Darunter nur seine E-Mail-Adresse und seine Telefonnummer. Ohne Kontaktdaten würde er ja auch keine Karten brauchen. Aber er wollte in keine Schublade gesteckt werden, deswegen nur der Name. Genau das war ja auch seine Stärke: Versatil und diskret. Die Karte war schlicht. Weiß, schwarze Schrift, die Rückseite aus grünem Samt. Er war so stolz gewesen, als der 3D-Drucker endlich das gewünschte Ergebnis ausgespuckt hatte. Passend zur Weste seines Reitkostüms.
„Wozu wollen Sie das Ding nutzen?“, hatte der Techniker gefragt, der den Bausatz für den Drucker geliefert hatte. „Na, das ist ja mal mit Kanonen auf Spatzen geschossen.“
„Mein Bier“, hatte Ewald geantwortet und sich dann daran gemacht, die Tutorials und Videos zu studieren. Auch das Begleitbuch „3D-Drucker selber bauen – mach`s einfach“ war zu gebrauchen gewesen. Dann viele, viele Versuche, bis die gewünschte samtige Oberfläche zustandegekommen war, und die Farbe. Das war vor drei Wochen gewesen.
Wer hingeschaut hätte, hätte gesehen, wie die Frau vor sich hinlächelte und eine Unterhaltung zu führen schien. Mittlerweile hielt man ja bei Menschen, die anscheinend mit sich selbst redeten, nach einem Ohrstück und Mikrofon Ausschau. Diese Frau war nicht so mit jemand anderem verbunden. Sie blickte auf den Boden, „Die Beschaffenheit der Steine … “ hätte man sie murmeln hören können, aber niemand war in der Nähe. Sie ging die Straße hinunter im Schatten der Häuser; es war ihr Revier, dort wo sie schon den ganzen Sommer ihre Runden gedreht hatte, meist unsichtbar. Sie trug diese leichte Daunenjacke, sie lag eng an und die Kapuze bedeckte ihr lockiges Haar. Dazu eine Trekkinghose, und man hätte die Haut ihrer Unterschenkel sehen können, wenn es nicht schon so dunkel gewesen wäre an diesem Novemberabend. Die Straße war eine vierspurige Einfall – oder Ausfallstraße, und um die Uhrzeit waren nur Autofahrer unterwegs.
Und unser Held, zu Pferd, der auch plötzlich auftauchte auf dem Bürgersteig zwischen den Baucontainern. Das Pferd schritt gemächlich in die gleiche Richtung wie die Frau, und sie holten langsam auf. Ewald blickte um sich. Es war nicht nur eine Bewegung der Augen oder des Kopfes. Sein ganzer Körper drehte sich jeweils 45 Grad nach links und rechts, und man wartete darauf, dass er die Hand hob zu einem huldvollen Gruß. Das lag daran, dass er weiße, bestickte Handschuhe trug, ein Manschettenhemd und einen dunkelgrünen Samtwams mit goldenen Knöpfen. Um seine Schultern hing ein dunkles Cape, es fiel hinter ihm über den Rumpf des Apfelschimmels und bedeckte es fast ganz. Der Schimmel sah gelangweilt aus – völlig unempfindlich angesichts des Verkehrs. Ewald war, wie schon gesagt, bereit für seinen Auftritt, aber da waren ja nur Autos und Hauswände.
Dann entdeckte er die Frau vor sich. Als hätte er sie gesucht, trieb er sein Pferd zu einem kurzen Trab über den Radweg an, um sie zu überholen. Ein kurzer Schulterblick, damit er niemandem die Vorfahrt nahm. Die Frau war in ihr Gespräch vertieft, obwohl sie das Geklapper der Hufe hätte hören müssen, trotz des Verkehrs. Ewald brachte seinen Schimmel ein paar Meter vor ihr zum Stehen, so dass sie sich anblickten. Die Frau blieb stehen. Ob sie erschrocken war, weil er plötzlich ein Schwert gezogen hatte, konnte man ihr nicht ansehen. Die Klinge glänzte im kalten Licht der Straßenlaterne, Ewald’s Arm hoch erhoben. Der Verkehr rauschte an der merkwürdigen Szene vorbei.
Dann ging alles ganz schnell. Mit der linken Hand griff Ewald das Cape und zog es mit einer fließenden Bewegung von den Schultern. Bevor man noch wusste was geschah, sauste das Schwert herunter und Ewald hatte mit einem geübten Hieb das Cape in zwei Teile geschnitten.
Dann war er auch schon vom Pferd gesprungen und hatte den halben Mantel, über seine beiden Unterarme drapiert, auf Knien der Frau dargeboten wie ein erlesenes Geschenk.
„Hier, ist kalt.“
Er biss sich auf die Lippe. Bis hierhin war alles nach Plan verlaufen, aber die Worte, sie wollten ihm nie gelingen. Der einhändige Hieb, dabei konnte man sich auch die Hand abhacken. Das Schwert wieder wegstecken, schnell vom Pferd springen, und für den nichtsahnenden Zuschauer unsichtbar den halben Mantel am unteren Ende auseinanderreißen (der Hieb ging nie bis ganz unten durch). Dann drapieren, hinknien, mit dem richtigen Abstand, und weder zu hektisch noch zu umständlich daherkommen. Er war so erleichtert gewesen, dass er seinen Text vergessen hatte. Aber wenigstens hatte er nicht gestammelt. Lieber warten. Die Stille aushalten.
In der Tat, die Frau sagte nichts. Sie griff nach dem Stoff, es war dunkle Wolle, gute Qualität. Sie wickelte ihn um ihren Körper wie ein Badetuch und steckte das lose Ende sorgfältig fest, so dass es von selbst hielt. Da standen sie nun.
„Tja, ich muss mal los.“ Er war wieder aufgestanden, zögerte noch einen Moment und drehte sich nach seinem Pferd um. Es war ein paar Schritte weiter zu einem der städtischen Pflanzkübel gewandert und kaute an den Ästen der wintertraurigen Sträucher. Die Frau setzte ihren Weg einfach fort, die Straße hinunter. Durch den eng gewickelten Umhang, der ihr bis auf die Füße fiel, trippelte sie etwas, wie eine Geisha, aber das schien sie nicht zu stören.
Ewald hatte schon die andere Hälfte des Mantels eingesammelt und fast den Fuß im Steigbügel, als es ihm einfiel.
„Warten Sie!“ Jetzt hätte er die mühsam hergestellte Visitenkarte fast vergessen. Er fummelte nach dem samtenen Viereck in seiner Tasche. Die Frau drehte sich noch einmal um. Was denn jetzt noch, stand in ihrem Gesicht.
„Hier, falls mal was ist.“
Er hielt ihr die Karte hin. Als sie sie in der Hand hatte, wartete er nicht. Diskret und versatil, ging ihm durch den Kopf, als er sich wieder in den Sattel schwang. „Komm, Wallace, genug für heute.“